Teil 2: Tiefer als der Tag gedacht

Es ist keineswegs eine neue Betrachtungsweise, die 21 nummerierten Arkana des Tarots in eine Anordnung zu bringen, die das Bild von drei grundsätzlich verschiedenen Wegen vermittelt. Das sind:

Der erste Weg ist der aktive, männliche Weg. Der tatkräftige Magier markiert den Beginn der Reihe; mit dem kriegerischen Herrscher, dem Wagenlenker, dem Tod und dem Turm erscheinen Figuren die stark vom astrologischen Prinzip Mars geprägt sind. Das Schicksalsrad und die Sonne wiederum entsprechend den ebenso männlichen Energien des Jupiter und der Sonne.

Der zweite Weg beginnt mit der Hohepriesterin. Es ist der weibliche Weg, der Pfad der Liebe, der Tugend und der Geduld. Mit dem Hohepriester erscheint ein Mann in dieser Reihe, aber selbst er trägt Frauenkleider. Es folgen die Tugenden Stärke, Gerechtigkeit und Mäßigkeit, alle allegorisch dargestellt durch Frauenfiguren. Die Karten „Der Stern“ und „Das Gericht“ bilden den Schluss der Serie.

Jetzt aber wird es spannend. Beide Wege sind antagonistisch, sind gegensätzlich. Im Zusammenspiel ereignet sich die Synthese, die alchemistische Hochzeit zwischen Sonne und Mond. Diese Wechselwirkung zwischen den solaren und lunaren Kräften fördert sieben Erkenntnisse zutage, und es handelt sich dabei um die bekannten sieben hermetischen Prinzipien (diese sieben Gesetze werden ausführlich dargestellt in dem Klassiker „Kybalion“).

Beginnen wir also die Reise, die uns zu sieben grundlegenden Erkenntnissen führt.

Das Arkanum #3, „Die Herrscherin“, markiert die erste Station. Sie ist das Resultat der Zusammenkunft von Magier und Jungfrau, sie ist das verwirklichte Potenzial der Jungfrau von Arkanum #2, sie ist die schwangere Mutter, die fruchtbare Göttin Venus. Die erste Erkenntnis ist also das Geheimnis der Fortpflanzung, der Geburt. Kurz: der Beginn des dreifachen Weges zeigt das Prinzip des Geschlechts. Es ist in allem, alles trägt sein männliches und weibliches Wesen in sich. Das Geschlecht offenbart sich auf allen Ebenen.

Die Herrscherin gebiert einen Sohn, den Herrscher.

Das Arkanum #6, „Die Liebenden“, stellt die zweite Station dar. Der Pontifex Tarot zeigt wie der Tarot de Marseille einen Mann der zwischen zwei Frauen, zwei Lebensweisen zu wählen hat. Wählt er Isis zu seiner Frau, oder wählt er Lilith? Den hellen Weg des Geistigen (entsprechend dem Hohepriester) oder den dunklen Weg des Materiellen (entsprechend dem Herrscher)? Die übliche Deutung ist diejenige, dass der Held die helle Seite, genannt die Tugend, zu wählen hat. Meine Sicht auf diese Karte ist eine andere: vor ihm teilt sich der Weg. Aber ist es nicht besser statt sich für das eine und gegen das andere zu entscheiden, beides zu wählen? Entspräche das nicht vielmehr der Suche nach Ganzheit? Amors Pfeil zeigt auf den Suchenden selbst. Nur wenn er die helle und die dunkle Seite, den einen Pol mit dem anderen Pol versöhnt, können die beiden Sphingen den Wagen im Arkanum #7 in eine Richtung ziehen. Die zweite Erkenntnis ist also das Prinzip der Polarität, die Einsicht, dass Gegensätze zwei Aspekte einer Sache sind, die sich nur unterscheiden im Grad ihrer Entfernung. Die Lösung ist also stets, den Einklang zu suchen und dadurch die wiederstreitenden Extreme zu vereinen und zu versöhnen. Im Übrigen verweisen auch die Liebenden des Waite-Smith-Tarot darauf, dass die Früchte von beiden Bäumen, dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis gegessen werden müssen.

Die helle und die dunkle Sphinx ziehen den Wagen und behindern sich nicht.

Die dritte Station ist das Arkanum #9, „Der Eremit“. Er steht für das Prinzip der Korrespondenz: Wie oben, so unten. Ohne dieses Gesetz der Analogie wäre Erkenntnis unmöglich. Wir könnten nichts wissen von den großen Zusammenhängen, von den Gesetzen des Lebens, wenn das, was im Großen Ganzen stattfindet, nicht seine Entsprechung im Kleinen hätte und umgekehrt. Sind wir nicht die Lenker unseres Körpers, sind wir nicht die Zähmer unserer Begierden? Deshalb stellt „Der Wagen“ die Seele eines Menschen dar, in dem das höhere Selbst seine Wohnung hat, und der Löwe die Persönlichkeit des Menschen dar, die vom höheren Selbst sanft geleitet wird. Wie könnten wir etwas wissen von diesem Höherem in uns und über uns, wenn sich nicht das Oben im Unten und das Unten im Oben spiegelte?

Die Lampe des Eremiten offenbart das Rätsel der Welt, dargestellt als Rad.

Das Arkanum #12, „Der Gehängte“, markiert die vierte Erkenntnis, das Prinzip der Schwingung. Wer das Prinzip der Schwingung begreift, hat das Zepter seiner Freiheit in der Hand und überwindet seine Ohnmacht. So wie es der Sphinx im Arkanum #10 gelingt, unbewegt auf dem sich stets bewegenden Rad zu verharren. Der Gehängte ist ebenfalls bewegungslos, wenn auch unfreiwillig. Wie überwindet er seine Qual, sein Aufbäumen gegen diese Tortur? Er weiß, dass nichts ruht, dass alles in Bewegung ist, dass alles schwingt. Und er lernt seine eigene Schwingung zu steuern, weil er Zeit hat darauf zu achten, was seine eigene Schwingung verstärkt bzw. verringert. Er kann sich also aus seiner qualvollen Situation retten, nicht indem er das Seil löst, dazu ist er nicht im Stande. Aber er kann seine Panik besiegen (also seine Schwingung verringern), seinen Kampf gegen das Schicksal beenden. Er kann sein Unheil akzeptieren, es annehmen und dadurch innerlich loslassen. Dadurch erreicht er inneren Frieden. Noch mehr: man weiß ja nicht, ob der Gehängte nicht doch aus freien Stücken diese qualvolle Lage gewählt hat. Er bringt dann ein Opfer dar und das Prinzip der Schwingung gibt ihm die Kraft dazu.

Der Gehängte bringt ein Opfer und erlebt einen kleinen oder großen Tod.

„Der Teufel“, das Arkanum #15, illustriert das Prinzip der Kausalität, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Die Karte „Der Tod“ (solve= er löst auf) zeigt, dass wir ernten was wir säen. Der Schnitter ist der Tod, aber er regiert nur im Dienste des Lebens, wie Henry Miller sagt. Das Arkanum #14 (coagula = es bindet) ist auch ein Symbol der Seelenwanderung: die Seele verlässt ein Gefäß und erhält einen neuen Körper. Denn wie könnte das Gesetz von Ursache und Wirkung verstanden werden, wenn man nur ein Leben betrachtet? Der Teufel ist der sinnbildliche Schatten, den unser Bewusstsein übermächtig und furchterregend aufgebaut hat. Wir haben gerade erkannt, dass Lilith, der Mond, der Schatten ist von Isis, der Hohepriesterin. Aus diesem Grund wird Lilith auch mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Wir sind zu Sklaven unserer selbst geworden: alles was wir verleugnet und verachtet haben, kommt als Schatten auf uns zurück, und dieser Schatten hat die furchtbare Grimasse des Teufels. Die einzige Lektion die es hier zu lernen gilt, ist es, den Schatten und all das selbst Verursachte anzunehmen, zu akzeptieren, ja vielleicht sogar einen Schritt hin zum Teufel zu machen und ihn auf den Mund zu küssen. Es ist das Gesetz der Kausalität, dass jedes Phänomen seine Ursache hat. Deshalb hat auch all das was uns Angst macht und was wir verabscheuen, die Ursache in uns selbst. Diesen Schatten aufrecht zu erhalten macht uns unfrei. Wenn wir den dunklen Aspekt unserer Seele, wenn wir Lilith erlösen, indem wir sie annehmen als Teil von uns, dann ist uns erlaubt einen Schritt näher heranzutreten an ihr Geheimnis.

Die Integration des Schattens und Annahme des Karmas entlässt und aus unserem selbst erbauten Gefängnis.

Damit sind wir wieder zurück bei der Karte, mit der alles anfing: Der Mond, das Arkanum #18. Hier begegnen wir dem Hüter der Schwelle. Wachhunde und Wachtürme, Finsternis am Tage durch den Mond der sich vor die Sonne schiebt.

Was bedeutet der Hüter der Schwelle für uns? Dieser Wächter versinnbildlicht die größte und schwerste Prüfung, er steht für den schwersten Kampf des Helden, die letzte Konfrontation. Da wir nur dann in der Lage sind, diese Prüfung zu bestehen, wenn wir immer wieder Kraft sammeln, einen neuen Anlauf machen, kleinere Prüfungen lösen, an anderen scheitern, aber nie nachlassen. Es ist das Prinzip des Rhythmus, das sich in allem zeigt, und das uns hilft, an unserer großen Aufgabe zu reifen. Es ist der Wechsel zwischen Drama und Frieden, Streit und Liebe, es sind Arkanum #16 (Ego) und #17 (Demut), die die Gezeiten unseres Lebens bilden, die uns nicht aufgeben lassen, sondern uns die notwendige Ausdauer auf unserem langen gewundenen Pfad geben, so paradox das klingen mag.

So wie die Jahreszeiten sich abwechseln, so ändern sich auch die Gezeiten. Und natürlich auch der Mond selbst; nur kurze Zeit regiert Lilith, dann übergibt sie das Zepter wieder an Isis. In dieser dunkelsten Stunde aber kann man einen Blick wagen was jenseits der Sphäre des Mondes verborgen liegt. Es ist ein fernes Ziel, das gefährlich nur ist, wenn wir zu früh den Schritt dorthin wagen. Denn die Hunde wittern, wer bereit ist und wer nicht. Doch um dorthin zu gelangen, braucht es Ebbe und Flut, immer wieder, endlos, Leben und Tod aneinandergereiht wie weiße und schwarze Perlen auf einer langen Kette. Nur durch den Rhythmus des Lebens reifen wir, bestehen kleine und immer größere Prüfungen, fehlen und fallen zurück, doch nach und nach überschreiten wir neue, wenn auch kleine Schwellen. Betrachtet man nicht das große Ganze sondern die Ebene des alltäglichen Lebens, geht es nicht um den großen Hüter der Schwelle, sondern um die vielen kleinen Hüter der Schwelle. So hat jeder Zyklus, jedes Abenteuer, jede Erfahrung am Ende diese eine letzte Prüfung bevor der Weg frei ist zum krönenden Abschluss.

Ist die Nachtmeerfahrt beendet, erscheint die Sonne.

Aber Arkanum #18, „Der Mond“, ist die Ganzwerdung, die Vervollständigung der vier Elemente. Er ist Schwelle zur Vollendung eines Zyklus, er symbolisiert die schwerste Prüfung, die die Tür öffnet zur letzten Erkenntnis, dem Arkanum #21, der „Welt“, der Quintessenz. Deswegen spricht die tiefe Mitternacht, die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht. Dort ist das Ziel erreicht, dort enthüllt sich das letzte Gesetz, die höchste Einsicht, das Prinzip der Geistigkeit: das All, der Kosmos, das Alles in Allem, es ist geistiger Natur. Wir alle, die ganze Schöpfung, das Universum, all das ist nichts anderes, als ein Gedanke, eine Meditation Gottes. Wenn wir dieses Arkanum verwirklicht haben, sind wir wahrhaft Bürger des Kosmos. Manche nenne das Nirwana, manche Erleuchtung.

Allerdings, wie beschrieben, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, all das zu verwirklichen. All das, für das das Arkanum #18, „Der Mond“, steht, wenn wir uns auf das große Ziel hin ausrichten. Gibt es denn nur diesen langen, verschlungenen Pfad hin zum Licht? Nur diesen Weg der gekennzeichnet ist durch den Wechsel von Ebbe und Flut, durch den Wechsel von Leben und Tod? Dessen Symbol die langwierige, harte und mühevolle Besteigung des mystischen Berges ist? Es ist wiederum der Mond, der uns eine andere Lösung aufzeigt: es gibt tatsächlich eine Abkürzung. Blicken wir zurück auf den Beginn des Weges der Liebe, auf Arkanum #2, „Die Hohepriesterin“. Beide Mondkarten, #2 und #18, finden ihre Synthese, so wie in Teil 1 dargelegt, im Arkanum #12, „Der Gehängte“. Der Gehängte zeigt uns den Schlüssel?

Ja, denn die Zahl 12 ist die umgedrehte Zahl 21. Wenn man die Welt auf dem Kopf betrachtet, zeigt sich alles von einer ganz neuen Seite. Wir erkennen dass wir nichts von uns selbst heraus bewirken können. Dreht man die 12 um, haben wir die 21 vollendet.