Teil 1: Die zwei Gesichter des Mondes im Tarot

„Was spricht die tiefe Mitternacht? … die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht“, das ist ein Zitat aus „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche. Doch so viel schon vorweg: mein Vortrag dreht sich nicht um das Thema „alle Lust will Ewigkeit“, dem Hauptmotiv des Nachtwandler-Liedes in diesem Buch. Ich habe den Titel gewählt, weil dieser sehr gut illustriert, was ich in diesem Vortrag ausdrücken will. Es geht hier um den zu wenig bekannten Aspekt, dass der Mond mystisch gesehen wichtiger ist als die Sonne, vielleicht gerade deshalb, weil der Mond zwei Gesichter hat. Im ersten Teil des Vortrags geht es auch um diese Ambivalenz des Mondes und die Versöhnung seiner eigenen Gegensätzlichkeit. Ganzheit und Ganzwerdung werden thematisiert, auch die unausweichliche Begegnung mit dem Schatten. Im zweiten Teil des Vortrags versuche ich dann in einem weiteren Sinne eine Synthese der gegensätzlichen Kräfte des Männlichen und des Weiblichen, des Solaren und Lunaren zu finden. Die Karte „Der Mond“ wird dabei eine ganz besondere Bedeutung einnehmen.

„Der Mond“, das ist der Name des Arkanums #18 des Tarot. Die Karte zeigt drei Tiere, einen Krebs, einen Wolf und einen Hund, und zwei Türme. Von dem Teich, umgeben mit Steinen und Pflanzen ausgehend, beginnt ein Pfad, der hinausführt über den Bereich den die beiden Türme bewachen, hinaus ins weite Feld. Ein Pfad, der nicht geradeaus geht, sondern der sich windet, mal tiefer und mal höher verläuft, am Ende aber zum Gipfel des von weither sichtbaren großen Berges führt. Am Firmament das sich über dieser Szenerie erstreckt prangt ein Mond, und auf dem Mond ein Gesicht.

Wenn man das Bild aber genauer betrachtet (und vielleicht auch eine ältere Tarot-Karte zu Rate zieht, auf der dieses Detail deutlicher dargestellt ist), erkennt man, dass die Strahlen die um den Mond herum leuchten nicht die des Mondes selbst sind. Es sind die Strahlen der Sonne, die vom Mond verdeckt wird. Es handelt sich um eine Sonnenfinsternis. Das also ist das eine Gesicht des Mondes, der Mond als Neumond (denn nur an Neumond, bei der Konjunktion der Sonne mit dem Mond kann es zu einer Sonnenfinsternis kommen).

Das ist das eine Gesicht des Mondes, doch was ist das andere Gesicht? Die andere Seite zeigt sich im Arkanum #2 des Tarot, der „Hohepriesterin“. Diese Karte zeigt eine Frau im Tempel, eine Krone tragend die aus drei „Monden“ gebildet wird: der zunehmende Mond als linke Sichel, der abnehmende Mond als rechte Sichel und in der Mitte der runde Kreis des Vollmondes. Auch zu Füßen der Frau befindet sich eine Mondsichel. Damit ist also der Untertitel dieses Vortrages erklärt, das sind die zwei Gesichter des Mondes. Dass das so gemeint war haben die meisten bestimmt ohnehin bereits vermutet. Doch damit ist das Thema natürlich noch nicht beendet, die Sache mit dem Mond und seinen zwei verschiedenen Gesichtern beginnt hier erst.

Bleiben wir zunächst bei der Hohepriesterin. Es ist das Analogiesystem der Astrologie, das ihr die Zuordnung zum Mond gibt, und nicht etwa der Karte „Der Mond“ (diese steht stattdessen für das Tierkreiszeichen Fische). Die Hohepriesterin steht für den Mond, weil die ganze Bildsprache der Karte auf das Licht der Nacht verweist, den Gegenpol des Taglichtes Sonne. In den großen alten Weisheitstraditionen der Astrologie und der Alchemie wird mit dem Mond das Weibliche verbunden (in den meisten Sprachen ist der Mond auch weiblich), das aufnehmende, passive Element. Er ist verbunden mit dem Element Wasser, dem dunklen Yin, dem Gegensatz zum hellen Yang in der östlichen Philosophie. Der Mond bedeutet die Jungfrau, die Mutter, das Gefühl, die Emotion, die Seele, das Unterbewusste, den Traum, das Wandelbare, das Wechselhafte. Die Sonne dagegen ist dabei stets der Gegenpol zum Mond-Prinzip und stellt dadurch das Gleichgewicht der Welt und der Schöpfung her.

Als Tempelpriesterin verweist sie auf die weibliche Seite Gottes. Diese hat viele Namen: Isis, Astarte, Sophia oder Maria. Ihre Krone mit den drei Mondphasen weist sie als dreifache Göttin aus. Der zunehmende Mond zeigt sich im Gewande der Jungfrau, der Vollmond als Mutter und der abnehmende Mond als altes Weib. In der Antike gab es neben vielen anderen dreifachen Gottheiten die Dreiheit von Hebe, Hera und Hekate oder auch die Dreiheit von Klotho, Lachesis und Atropos, den Schicksalsgöttinnen. Es geht dabei stets um den gleichen Dreiklang: das lebensspendende, das lebenserhaltende und das das Leben wieder zurückfordernde Wesen des Weiblichen. Der Aspekt der Todesbotin erklärt sich aus der alten Sicht, das die Erde als weiblich erachtet (der Begriff „Materie“ kommt von „Mater“ = Mutter), und wir alle nach dem Tod im Begräbnis und im Zerfall wieder zur Erde zurückkehren.

Wichtiger als diese Symbolik der 3 ist beim Mond und der Hohepriesterin jedoch die Bedeutungsebene der Zahl 2. Die 2 ist die Reflektion, die Spiegelung. Der Mond hat kein eigenes Licht, er spiegelt das Licht der Sonne. Das Buch auf dem Schoß der Hohepriesterin ist ein Schriftstück und als solches das Ergebnis der Reflektion des Bewusstseins. Die zwei Säulen verweisen darauf, dass wir hier im Reich der Zweiheit stehen, der Gegensätze, des Zwiespalts zwischen scheinbar unvereinbaren Widersprüchen. Die Priesterin deutet durch das Kreuz auf ihre Brust jedoch bereits darauf hin, wie das Gegensätzliche vereint und versöhnt werden kann. Haben nicht stets beide Pole einer Sache ihre Berechtigung? Und ist nicht weder rechts dem links, noch hell dem dunkel vorzuziehen? Gegensätze müssen versöhnt werden, denn nur so gibt es Ganzwerdung.

Man könnte diese Beschreibung des Arkanums #2, der „Hohepriesterin“ natürlich noch weiterführen. An dieser Stelle genügt mir aber, die Hohepriesterin als Isis zu benennen, die Gottesmutter der ägyptischen Mythen. Diese Isis verkörpert die drei hellen Stationen der vier Mondphasen. Was hat es nun mit der dunklen Station auf sich, dem Neumond, der auf der Arkanum #18, „Der Mond“, dargestellt ist? Wer sich lange in die beiden Karten vertieft mag zu der Erkenntnis gelangen, dass sich kaum ein größerer Gegensatz im Tarot finden lässt. Die Hohepriesterin wird nicht ohne Grund als „Schutzkarte“ gesehen (im Tarot de Marseille gibt es ein Detail das nur dort und sonst nur auf der Karte „Die Welt“ zu finden ist: ein Element der Figur (hier die Tiara) ragt über den oberen Rand der Karte hinaus). Das Arkanum #18, „Der Mond“, jedoch galt früher als „schlimmste“ Karte in der ganzen Serie der Großen Arkana überhaupt, furchterregender noch als Tod und Teufel. Wenn ich also die Hohepriesterin mit der Figur der Isis gleichsetze, bietet sich an, den Mond, das 18. Arkanum, mit Lilith in Verbindung zu bringen.

Wer ist Lilith? Lilith erscheint im Talmud als erste Frau Adams, als die Frau die sich Adam nicht unterordnet und stattdessen Eva den Apfel reicht. Lilith erscheint bereits in der Mythologie der Sumerer und Babylonier und stellte einen altorientalischen weiblichen Nachtdämon dar. In einer der Legenden die sich um sie ranken, gelang es Lilith, dass Gott ihr seinen heiligen Namen offenbarte. Dieses Wissen verlieh ihr von da ab unbegrenzte Macht. Lilith erscheint in vielen Geschichten und Mythen, so erzählte man von ihr, dass sie sich mit dem Teufel vereinte und Säuglinge tötete. In der Astrologie wird sie Schwarzer Mond oder Dunkler Zwilling des Mondes genannt. Hier wird sie nicht mit einem tatsächlichen Himmelskörper identifiziert, sondern mit einem rechnerischen Punkt der Mondbahn. Ihre Stellung im Horoskop zeigt den Bezug zum Absoluten, das Opfer und das Thema Loslassen an. Nebenbei bemerkt: als Frau die sich nicht unterordnet und es ablehnt, Teil des Patriarchats zu sein, wurde sie zur Symbolfigur der Frauenbewegung.

Wenn wir von den zwei Gesichtern des Mondes sprechen, dann reden wir bildlich gesehen von der Wechselbeziehung zwischen Isis und Lilith. Die drei sichtbaren Aspekte des Mondes und der eine unsichtbare Aspekt. Augenfällig wird jetzt der Bezug zur Dynamik der Ganzwerdung. Um die Ganzwerdung zu erringen, muss der Mensch Kontakt mit seinem Schatten aufnehmen. Die Zahl 3 entspräche hier in der Naturlehre der vier Elemente den drei Lebensbereichen, die den Einzelnen hauptsächlich definieren: das betonte Element und auch die zwei weiteren Elemente, die ebenfalls gelebt werden können. Nicht so aber das vierte Element. Wenn das Ganze, Ungeteilte, bildlich gesprochen aus vier Lebensbereichen besteht (Feuer, Wasser, Luft und Erde), so ist dem Menschen einer dieser vier Bereiche nicht oder nur schwer zugänglich. Das ist sein Schatten. Er geht lieber allen Situationen aus dem Weg, die mit diesem Bereich zusammenhängen. Er leugnet in sich alles, was auf dieses ungeliebte Thema hindeutet. Nun ist aber der Mensch gerade deshalb unglücklich und „unfertig“, weil ihm diese Ganzheit aller vier Elemente fehlt. Solange er das, was er an sich oder anderen zurückweist und verwirft, nicht für sich annimmt und so diesen ungelebten und ungeliebten Teil seines Selbst integriert, wird er nicht gesunden. Isis zeigt den lichten Teil, Lilith zeigt den dunklen Teil des Ganzen. Es ist die Nacht, in der der Weg zum schwer zu erringenden Gut beschritten werden muss. Denn die Hebung des Schatzes in den Märchen, die von den Helden erzählen, ist nichts anderes als die Heilung dieser Wunde.

Betrachtet man die „Hohepriesterin“ und den „Mond“, fällt auf, dass die beiden Säulen auf der einen Karte einen Wiederhall finden in den beiden Wachtürmen der anderen Karte. Zwischen den beiden Säulen hängt ein Schleier, und man wird annehmen dürfen, dass die Szenerie des Arkanums #18 das zeigt, was der Schleier des Arkanums #2 verbirgt. Wirklich? Plutarch berichtet von der Inschrift, die an der Isis-Säule zu Sais angebracht war: „Ich bin alles, das war, das ist und das jemals sein wird. Niemals wird ein sterblicher Mensch erkennen, was hinter meinem Schleier liegt.“ Die Karte „Der Mond“ zeigt Wasser, Steine, Pflanzen, Krustentier, Säugetiere und mit den Türmen den Bereich des Menschen. Der Pfad geht aber zwischen diesen Außenposten der Menschheit hindurch und hinaus. Klingt das nicht allzu deutlich nach dem alten hermetischen Satz der Evolution? Erst der Stein, dann die Pflanze, dann das Tier, dann der Mensch; und dann …? „Der Mond“ ist die einzige Karte der Großen Arkana, auf der kein Mensch abgebildet ist. Das ist kein Zufall. Diese Karte weist auf den dunklen, einsamen Pfad, der über das was der sterbliche Mensch ist und vermag, hinaus geht. Es mögen Wanderer vor denen gegangen sein, die sich auf diesen Pfad ins Ungewisse wagen. Womöglich steht auf dem Gipfel, dem Ende des Pfades (der exakt in der Mitte der Karte ist, denn das Ziel liegt im Innen und nicht im Außen), der Eremit und schenkt Licht all jenen, die dafür bereit sind. Ein sterblicher Mensch wird also nicht wissen, was diese Nacht verbirgt, aber das heißt nicht, dass der Schleier nicht gelüftet werden kann.

Die zwei Karten Arkanum #2 und #18 gehören also eng zusammen, sind wie miteinander verwoben. Es macht denke ich also auch Sinn, nach einer dritten Karte Ausschau zu halten, die diese beiden Gegensätze verbindet. Die beiden Buchstaben auf den Säulen der Isis sind im hebräischen Original die Lettern Beth und Yod. Sie stehen für die Zahlenwerte 2 und 10. Zusammen ergeben sie die Zahl 12, die uns zur Karte „Der Gehängte“ führt. Zu einfach? Nein, denn die 12 liegt genau im Goldenen Schnitt zwischen den Zahlen 2 und 18. Und so wie die Karte „Der Mond“ das astrologische Attribut des Sternzeichens Fische trägt, so verweist „Der Gehängte“ auf Neptun. Und Neptun ist in der Astrologie der Herrscher des Zeichens Fische. Man könnte noch weitergehen und darauf verweisen, dass die Taschen des Gehängten im Tarot de Marseilles wie zwei Monde aussehen. Oder dass die Haltung dieses Gehängten die Form des Buchstaben Quof wiederspiegelt, der mit dem Arkanum #18 verbunden wird. Vielleicht ist jetzt besser verständlich, warum Lilith in der Astrologie mit den Themen Opfer und Loslassen verknüpft wird, denn das sind auch die Botschaften des Gehängten.

Damit komme ich zum Ende des ersten Teils, dem theoretischen Teil meines Vortrags. Wir haben gesehen dass es im Tarot zwei Karten gibt, die direkt auf den Mond verweisen. Der Mond hat buchstäblich zwei Gesichter. Der helle Teil ist die dreifache Göttin, die symbolisch mit der Göttin Isis dargestellt werden kann, der dunkle Teil entspricht dem Neumond, der Sonnenfinsternis, mit Lilith als Verkörperung. Das Arkanum #18 ist der Schlüssel zum Geheimnis, das im Arkanum #2 enthalten ist, es ist zugleich die schwerste Prüfung auf der Reise durch die Großen Arkana des Tarot. Eine Reise, die sich um das Thema Ganzwerdung dreht, und im Fokus dieser Ganzwerdung steht der Mond, mit seinem hellen und dunklen Gesicht.

Das alles führt uns nun zum zweiten, praktischen Teil meines Vortrags. Hier geht es tatsächlich um die eben genannte Reise durch alle Großen Arkana des Tarot. Eine Reise, die uns zeigen wird, warum die Welt tiefer gedacht ist als der Tag, sprich: der Mond als Symbol der Nacht mystisch gesehen wichtiger ist als die Sonne.

Zum zweiten Teil