Wir leben in einem faustischen Zeitalter, wie Oswald Spengler angedeutet hat. Seit dem ausgehenden Mittelalter hat der Mensch an Macht gewonnen, er dominiert die Natur, seine Wünsche erfüllen sich einer nach dem anderen, so scheint es. Und im 21. Jahrhundert verleiht ihm Forschung, Technik und Digitalisierung gewissermaßen eine Überfülle an Befriedigung, zumindest im Westen schwelgt er in all den irdischen Genüssen. Netflix, Amazon und co. liefern täglich rund um die Uhr. Und das ist eine Versuchung und Prüfung, die Mephistopheles mit der Vollmacht Gottes dem modernen Menschen auferlegt, ganz so wie Goethe es beschrieben hat. Bei Hiob bestand die Prüfung noch darin, alles Leid zu erfahren, das die Welt dem Menschen zufügen kann und dennoch Gott die Treue zu halten. Der faustische Mensch muss beweisen, dass auch all die Freuden, die diese Welt zu bieten hat, nicht ausreichen um seine Seele von Gott loszureissen.

„Ohne Versuchung gibt es keinen geistigen Fortschritt“ sagt Antonius der Große. Die Versuchung findet ihre Aufgabe darin, dass sie den freien menschlichen Willens stärkt. Und da Faust der Gegenstand der Wette zwischen Mephistopheles und Gott ist und jede Versuchung stets in zwei Richtungen verläuft, könnte in dieser Sache das Böse selbst durch das Gute versucht werden, wenn, ja wenn der faustische Mensch diese Prüfung bestünde und zurückfände zu Gott wie in der Erzählung vom verlorenen Sohn.

Der Tarot und das Christentum. Zwei unvereinbare Dinge? Ich kann nur sagen, dass die Auseinandersetzung mit dem Tarot meine Heimkehr ermöglicht hatte, die Wandlung von einem notorischen Nihilisten zurück in einen Christen, vor allem durch die Lektüre der „Meditationen über den Tarot“ des Valentin Tomberg. Doch widerspricht der Tarot nicht der kirchlichen Lehre? Der Katholische Katechismus sagt unter Absatz 2115: „Gott kann seinen Propheten und anderen Heiligen die Zukunft offenbaren. Die christliche Haltung besteht jedoch darin, die Zukunft vertrauensvoll der Vorsehung anheimzustellen und sich jeglicher ungesunder Neugier zu enthalten. Wer es an notwendiger Voraussicht fehlen läßt, handelt verantwortungslos.“ Doch mit dem Tarot wird doch genau diese ungesunde Neugier bedient, die nach der Zukunft fragt, oder nicht?

Noch deutlicher wird es unter Absatz 2116: „Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“ [Vgl. Dtn 18,10; Jer 29,8.]. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.“ Der Katechismus ist hierbei klar und deutlich, und an der angegebenen Stelle im Deuteronomium wird tatsächlich eindringlich vor Zauberern und Wahrsagern gewarnt.

Zauberei und Magie existieren in dieser Welt, das weiß die Kirche und ich beziehe mich vor allem auf die katholische Kirche, der ich angehöre. Heidnisches Geheimwissen hat sich bis in unsere Tage am Leben erhalten und es gab und gibt die „Weisheit der Fürsten dieser Welt“ symbolisiert durch das Bild der Schlange, die sich von Gottes Weisheit im Zeichen der Taube, dem Symbol des Heiligen Geistes, unterscheidet. Die Kirchenväter sahen in den heidnischen Mythen und Symbolen Vorahnungen auf Jesus Christus. Der apollonische Logos-Begriff, fand er nicht seine Vollendung in der Offenbarung des Messias? Der Kirchenschriftsteller Origenes (185 bis 254 n. Chr.) hat das Geheimwissen der Ägypter, die hermetischen Schriften und die vielfältigen Lehren der Griechen über das Göttliche als Wegbereiter der christlichen Heilsgeschichte empfunden. Wenn hier von den „Fürsten dieser Welt“ (1 Kor 2,6) die Rede ist, dann sind damit gemäß der katholischen Lehre gefallene Wesenheiten der himmlischen Hierarchien gemeint; Hierarchien zur Linken, die im Rahmen des Gesetzes handeln als Ankläger und Versucher strenger Gerechtigkeit (im Freiburger Münster ist der „Fürst der Welt“ Teil der heiligen Figurengruppe der Turmvorhalle).

„Man weiß, wie vielfältig im Mittelalter, zum Teil unter arabischem Einfluss, die Vorstellung von Weltpotenzen oder „Intelligenzen“ (die Teils als Gedanken Gottes, teils als Engel aufgefasst wurden) auf die christliche Naturphilosophie eingewirkt haben, vor allem aber, wie in der Renaissance – bei Fortführung dieser Spekulationen – auch die Rückübersetzung der jüdischen-mystischen Kabbala ins Christliche die besten Köpfe beschäftigt hat. Schon eine große Zahl Kirchenväter hatten, so bemerkt man jetzt, dem geheimnsivollen Hermes Trismegistos einen Ehrenplatz unter den heidnischen Propheten und Weisen eingeräumt, hermetische Bücher hatten schon im frühen und hohen Mittelalter zirkuliert, später feierte ihn die Renaissance als den großen Zeitgenossen Moses und Urvater der griechischen Weisheit (man erinnert sich an sein ehrwürdiges Bild, eingelegt in den Fußboden von Sienas Kathedrale).“ (Hans Urs von Balthasar)

Im Tarot spiegelt sich die Symbolik der in der Renaissance wiederauferstandenen Weisheit der vorchristlichen Antike. Auch wenn die Herkunft des Tarot nicht endgültig geklärt ist, kann das in der Form sicherlich gesagt werden. Seine Wurzeln reichen in das Weltanschauungsgeflecht von Orphischen Mysterien, Gnosis, Platonismus, Neoplatonismus, Pythagoräer und Mithraiker. Vermutlich wurde der Tarot im 15. Jahrhundert übermittelt durch Byzanz und die Sufis über die Ost-West-Schnittstelle Venedig (Dai Léon, Origins of the Tarot) und dann weitergegeben nach Ferrara und Mailand, von wo aus er als Kartenspiel immere größere Verbreitung fand. Er stellt das geistige Vermächtnis einer historischen Epoche dar, in der Gottes Sohn diese Erde betrat.

Tatsächlich beziehen sich heutige Tarotisten oftmals direkt auf diese alte heidnische Philosophie, verehren Hermes oder Zeus, die Hexenkünste oder auch unspezifisch auf eine sogenannte nicht-duale immerwährende Weisheit. Oder sie glauben vielmehr an eine kosmische Evolution, die dem Menschen irgendwann einen Platz auf einem goldenen Thron sichert, eine Evolution die den Menschen stetig stärker und mächtiger macht. Erst Stein, dann Pflanze, Tier, Mensch und schließlich Gott. Christus ist dann nicht viel mehr als jemand der als Beispiel dient für einen Menschen, der aus eigener Kraft göttlich und allmächtig werden möchte. Aber bestand nicht gerade darin die Versuchung Jesu in der Wüste? Sind die Karten am Ende also nicht doch das Gebetbuch des Teufels …?

Doch ich will nicht bitter werden. Ohne diese geheimnisvollen, wunderschönen und wahren Bilder (denn, wie Origenes meint, hält der „Fürst der Welt“ diese Dinge selbst für wahr und gibt sie den Menschen nicht, um sie zu schädigen), ohne diese Bilder und die Faszination die diese auf mich ausüben, wäre ich dann nicht noch immer Nihilist? Und hat nicht der Tarotist (und auch der Astrologe) von heute längst die Zauberei und die Wahrsagerei von einst überwunden? Sind die Karten nicht schon seit langem nicht mehr das Werkzeug von selbsternannten Meistern sondern vielmehr die Handreichung von liebenden Dienern geworden? Wie Pico della Mirandola (1463 bis 1494 n. Chr.), der all dieses okkulte Erbe studiert und auch die jüdische Kabbala durchforscht hatte, klar stellte: „Ich trage an meiner Stirn den Namen Jesu Christi und sterbe gern für den Glauben an ihn. Ich bin weder Magier noch Jude, noch Ismailit noch Häretiker; Jesus gilt mein Kult, sein Kreuz trage ich auf dem Leibe.“