Am heutigen Ostersamstag liegt es nahe, das große Fest der Christenheit als Anlass zu nehmen für eine kleine Reise in die katholische Hermetik. Es ist definitiv nicht so, wie manche Gläubige vermuten, der Tarot widerspräche der Lehre der katholischen Kirche. Papst Johannes Paul der II. kannte die Arbeiten von Valentin Tomberg, und einen versierteren Kenner der Tarot-Symbolik und gleichzeitig glühenderen Verfechter der katholischen Lehre als Tomberg kann man sich kaum vorstellen. Dabei kam Tomberg aus der Steinerschen Schule der Antroposophie. Und auch für Steiner war der Tarot ein in seiner Wichtigkeit und Tiefe kaum zu überschätzendes Medium.

Am Ostersonntag verkündet der Papst jedes Jahr seinen Segen urbi et orbi: „Euch allen ein gesegnetes und frohes Osterfest! Der Friede und die Freude des auferstandenen Herrn sei mit Euch.“ Friede und Freude, das sind die Stichwörter der beiden Karten „Der Stern“ und „Die Sonne“ aus dem Tarot. Im Alpha Beta Tarot stehen diese beiden Karten für die Buchstaben P (ΡΥΘΜΟΣ Harmonie) und T (ΤΕΡΨΙΣ Freude). Beide Buchstaben formen zusammen das Tarot-Symbol nach Rudolf Steiner: „Alle die eingeweiht waren in die Egyptischen Mysterien waren in der Lage das TP (das Tarot-Symbol) zu lesen. Sie konnten auch das Buch des Thoth lesen, das 78 Blätter umfasste und alle Weltereignisse abbildete vom Anfang bis zum Ende, vom Alpha bis zum Omega“1

Robert Powell schreibt zu diesem Symbol: „Unser Buchstabe „R“ ist abgeleitet vom griechischen Buchstaben Rho (P), der in der Essenz ein Kreis ist mit einem kleinen Schwanz. Betrachtet man den Buchstaben Rho, kann man sehen, dass es sich um eine phantasievolle Darstellung des menschlichen Kopfes und der Wirbelsäule zusammen handelt. So stellt Rho den Menschen dar (…) Auf der anderen Seite bezieht sich das Tau-Symbol auf den sehr alten Impuls, der der Religion des Taoismus zugrunde liegt (…) In der alten chinesischen Religion stellt Tao die Naturkraft dar, die Kraft, die in den altägyptischen Mysterien mit der Isis verbunden ist. Tau repräsentiert die intelligente Kraft der Natur, die ständig zu höheren und höheren Ebenen der Evolution führt. Es ist die Kraft, mit der wir uns verbinden können und die die Menschheit auf dem evolutionären Weg zu immer höheren Ebenen führt. Das Tarot-Symbol aus Tau und Rho steht für ein Zusammenkommen der Naturkraft, des inneren Naturgeistes (Tao), symbolisiert durch den Buchstaben Tau, mit dem, was durch den Buchstaben Rho repräsentiert wird, was mit der menschlichen Seele zu tun hat. Tarot – Tau plus Rho – wird sehr oft als „der Weg“ übersetzt.“2

Das Alpha Beta Tarot zeigt Jesus Christus, den Sohn Gottes als Karte 20, da diese Karte mit dem Buchstaben Ypsilon verbunden ist, und das griechische Wort für Sohn, ΥΙΟΣ, beginnt mit dem Buchstaben Ypsilon. Mit Ypsilon beginnen auch die Wörter ΥΠΑΤΟΣ der Erste, der Höchste und ΥΣΤΑΤΟΣ der Letzte, der Äußerste. Und damit sind wir wieder bei den Buchstaben Alpha und Omega, die genau in dieser Bedeutung verwendet werden, wenn sie als Attribut Jesu Christi verwendet werden. Auf jeder Osterkerze auf der ganzen Welt, die in dieser heiligen Nacht entzündet werden, stehen die Buchstaben Alpha und Omega.

In der Offenbarung von Johannes sagt Jesus Christus: Ich bin das Alpha und Omega, der erste und der letzte. Im Alpha Beta Tarot wird Alpha illustriert durch die ursprüngliche Einheit von Mann und Frau in einem göttlichen Körper. Die Alchemie versucht durch Transmutationen diesen ursprüngliche Einheit wiederherzustellen im Opus Magnum und der Figur des Rebis. Das Omega wird illustriert durch Zeus Megistos, in Personalunion der oberste Gott der Griechen, Zeus, und der oberste Gott der Perser, Ahura Mazda. Die dargestellte Szene visualisiert den orphischen Hymnus an Zeus, den Ersten und Letzten, Mann und Frau zugleich, wie er ein Band um die ganze Schöpfung bindet und diese verschlingt, auf Rat seiner Großmutter hin, der Nacht. Am Ende kehrt alles zu Gott zurück, von dem alles ausgegangen ist.

Das ist das Mantra nicht nur der Katholiken, das haben alle Gläubigen zu allen Zeiten geglaubt und daran glauben sie auch noch heute, auch wenn sich manche Agnostiker oder Atheisten nennen. Kommen wir denn nicht alle aus dem Schoß der Mutter Erde und kehren dorthin zurück? Das ist ein gemeinsamer Nenner für die gesamte Menschheit.

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1. Rudolf Steiner, The Misraim Service (Great Barrington, MA: Steiner Books, 2006) p. 375
2. Robert Powell, in The Wandering Fool & Three lectures on Hermeticism (LogoSophia, San Raphael Ca, 2009) p.46